Japan 2010 – Ein persönlicher Karate-Reiserückblick

Unser Vereinsobmann Rainer Liebscher hat 2010 eine Karate-Reise nach Japan absolviert. Der nachfolgende Aufsatz ist ein persönlicher Reisebericht, auch unter dem Fokus der aktuellen Geschehnisse in Japan.

Rainer:

Alles hat damit begonnen, dass ich vor mehr als einem Jahrzehnt bei einem Karate-Lehrgang „Schlatt“ kennengelernt habe. Schlatt heißt nicht wirklich Schlatt sondern hat diesen Spitznamen in seiner Jugendzeit ungewollt erhalten, ihn aber aufgrund eines Synonyms zur der japanischen Sprache auch nicht mehr abgelegt. Schlatt hat Japanologie und Volkswirtschaftslehre studiert, betreibt seit über 30 Jahren Karate und hat mehrere Jahre in Japan gelebt. Er spricht perfekt japanisch und hat beste Beziehungen zu vielen hochrangigen Karatemeistern.
All diese Umstände haben dazu geführt, dass Schlatt seit einigen Jahren einen eigenen Buchverlag betreibt und auch geführte Karate-Reisen nach Japan anbietet. Schon mehrere Jahre habe ich überlegt mitzufahren, 2010 hat sich die Gelegenheit dazu ergeben.

Warum schreibe ich erst jetzt einen Reisebericht? – Nun, ich hätte ansich geplant auch im Mai 2011 wieder mitzufliegen. Die jüngsten Ergeignisse haben uns aber davon abgehalten und wir haben die Reise auf 2012 verschoben. Da es nun keinen Reisebericht 2011 geben wird, möchte ich dem interessierten Karatesportler einen persönlichen Bericht von der Reise 2010 geben. Eine der interessantesten und erfahrungsreichsten Reisen, die ich je unternehmen durfte.

Im April 2010 trat eine bunt gemischte Gruppe von Karateka aus Deutschland, der Schweiz, Rumänien, Kuwait und Österreich die gemeinsame Reise nach Tokio an. Wir waren unterschiedlicher Herkunft, hatten unterschiedliche Berufe aber das gemeinsame Bestreben das Mutterland des Karate zu besuchen.

Mit Mitte April kamen wir gerade noch rechtzeitig in Japan an um die Zeit der Kirschblüte mitzuerleben. Die Kirschblüte markiert einerseits den Beginn des Frühlings, andererseits stellt sie einen der Höhepunkte im japanischen Jahr dar. Sie ist Zeichen für Schönheit und Vergänglichkeit sowie Anlass für das feiern von Festen mit Freunden und Verwandten.

Einer unser ersten Ausflüge führte uns direkt in das Honbu Doho der Japan Karate Association quasi das Mekka für Karatesportler. Wer hier einen prunkvollen Palast erwartet, liegt jedoch falsch. Von außen sieht das Dojo unspektakulär aus und unterscheidet sich kaum von den angrenzenden Hochhäusern. Im Inneren wartet es mit Trainingsräumen und Sitzungssälen auf.
Unter Nemoto Sensei 4. Dan und Imura Sensei 7. Dan genossen wir mehrere schweißtreibende Trainingseinheiten mit dem Schwerpunkt Kihon und Kumite. Es war interessant zu sehen, wieviele ausländische Gäste dem Training beiwohnten. Entgegen dem, was mir früher über japanische Trainingsmethoden (von Nicht-Japanern) erzählt wurde, gab es äußerst freundliche Trainer, die sogar zu Scherzen aufgelegt waren. Es war kein Problem, wenn man eine Übung nicht auf Anhieb verstand solange man sich redlich bemühte.

Unser Hotel, das Ryokan Eishinkan, war zentral in Tokio unweit der Bahnstation Yotsuya gelegen und somit idealer Ausgangspunkt für Ausflüge in alle Himmelsrichtungen. Unser freundlicher Hausherr ermöglichte es uns einem privaten Training von professionellen Sumoringern beizuwohnen. Es war erstaunlich zu sehen, wie gelenkig diese Riesen sind.

Ein Highlight der Reise 2010 war ein mehrtätiger Auslfug in den Süden Japans nach Okinawa. Hier wird Karate in einer anderen Form als im nördlicheren Japan betrieben. Die Karateka sind hier „näher am Ursprung“ des traditionellen Karate. Selbstverteidigungstechniken und das Abhärten des eigenen Körpers gehören zur Tagesordnung.

In besonderer Erinnerung wird mir das Training bei Meister Kiyohide Shinjo 9.Dan bleiben. Er lud uns in sein Privatdojo ein, das er mittlerweile in dritter Generation führt. Trotzdem Shinjo san den Stil Uechi-Ryu lehrt, war es auch für eine hauptsächlich Shotokan-geprägte Gruppe kein Problem seinen Ausführungen zu folgen. Er lehrte uns die Kata Sanchin, demonstrierte das Bunkai daraus und lies uns auch an seinen Kräftigungs- und Abhärtungsübungen teilhaben. Shinjo san ist auch als „Superman des Karate“ auf Okinawa bekannt. Wie sein Gegenpart im Comic ist auch er ein sehr bescheidener und hilfreicher Mann, dem an der Verbreitung seiner Kampfkunst liegt. Wie in Japan oft üblich, wurde nach dem Training bei Sushi und Bier über Gott und die Welt diskutiert.

Trainingseinheiten, die mir ebenfalls immer in Erinnerung bleiben werden, sind jene von Tatsuya Naka 6. Dan. Naka Sensei hat als einer der Hauptdarsteller im Film Kuro Obi weltweit Berühmtheit erlangt. Da 99% aller sogenannten Karatefilme völlig realitätsfremd sind, mit dem ursprünglichen Karate kaum etwas gemeinsam haben und sich meistens durch ein höchst bescheidenes Drehbuch auszeichnen, sticht Kuro Obi hier deutlich heraus. Karate wie es tatsächlich praktiziert wurde und eine gute Story noch dazu.
Abseits der Schauspielerei habe ich Naka als extrem netten und humorvollen Menschen kennengelernt. Er besticht durch seine ausgezeichneten Techniken sowohl bei Kata als auch Kumite. Darüber hinaus hat er als Lehrer die Gabe tatsächlich zu lehren und dem Schüler Wissen schlüssig vermitteln zu können. Insgesamt eine Persönlichkeit, die mich schwer beeindruckt hat.

Ebenfalls ein Karateka und Trainer von Weltruf ist Tsuguo Sakumoto Sensei. Er gewann in den 80er Jahren die offiziellen Kata-Weltmeisterschaften nach Belieben und kümmert sich nunmehr intensiv um das japanische Nationalteam. Auf dem Gelände der Geijutsu Daigaku (Universität der schönen Künste) soll schon Funakoshi Gichin trainiert haben. Wir durften dem Training von Sakumoto Sensei beiwohnen und bekamen einen eindrucksvollen Überblick üder das Bunkai des RyueiRyu.

Zurück auf der Hauptinsel führte uns ein Tagesausflug nach Okayama wo uns der Direktor der Sanyo-Koko Hochschule, Takimoto Sensei 7. Dan, erwartete. Wir wurden persönlich von Takimoto San am Bahnhof mit einem Bus abgeholt und durften an seiner Schule einer Trainingseinheit ( ca. 3 Stunden) beiwohnen. Das Training war sehr anstregend und schweißtreibend. Alle Schüler dieser Schule haben Karate als Pflichtfach, lediglich die Anzahl der Trainingseinheiten pro Woche variiert.

Es ist üblich in Japan kleine Geschenke als Zeichen der Freundschaft zu verteilen. Dies taten wir häufig in Form europäischer Schokolade, Gummibären, Wein oder Bier. Das ist bei allen Japanern sehr beliebt.

Wir waren sehr bewegt als wir am Ende des Trainings von den Schülern und vom Direktor ebenfalls Geschenke in Form eines Terracotta-Tigers erhielten. (Zitat des Direktors: „Möget Ihr alle so stark werden wie ein Tiger!“)

FAZIT:

Ich könnte noch viel erzählen, auch abseits des Karate. Was ich obig erwähnt habe, soll einen kurzen Überblick darüber geben, was Japan uns Karatereisenden geboten hat. Trotzdem ich seit mittlerweile 20 Jahren Karate betreibe, hat der Aufenthalt für mich einige neue Impulse und viel Wissenswertes gebracht. Gleichzeitig konnte ich mich auch einiger falscher Vorurteile entledigen. Das japanische Training ist unserem oft nicht unähnlich, nicht unnötig hart und auch nicht monoton. Abseits irgendwelcher Verbandszugehörigkeiten und Stilrichtungen wurden wir ausnahmslos überall sehr höflich empfangen und man war bemüht uns etwas beizubringen. Ich sehe es (gemeinsam mit den anderen Trainerkollegen unseres Vereins) als Aufgabe dieses Wissen bestmöglich weiterzugeben und möglichst viele gut ausgebildete Karatesportler hervorzubringen.